500 Jahre Täuferbewegung, Wort gewagt, mit Mut zur Liebe!

Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Offener Brief an die EKD

von Un Bekannt

Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.
Graphik: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“. 1. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, 1948 in Amsterdam

Offener Brief, an den Rat der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Nachstehend ein Offener Brief an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an die Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs, von der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG), dem Mennonitischen Friedenszentrum Berlin (MFB) und dem Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee (DMFK) mit Datum vom 10. Februar 2026:

Das Schreibenbringt die Sorge über eine zunehmende Distanz in friedensethischen Fragen zum Ausdruck und beklagt, dass frühere ökumenische Konvergenzen – etwa aus internationalen Prozessen zur Überwindung von Gewalt – in der Denkschrift nicht mehr erkennbar seien. Kritisch hinterfragt wird insbesondere die Gewichtung militärischer Gewalt im Konzept des Gerechten Friedens: Maßgeblich sei nicht der „Schutz vor Gewalt mit Gewalt“, sondern deren Überwindung – eine friedensethisch grundlegende Unterscheidung.
Darüber hinaus wird davor gewarnt, den „Mythos der erlösenden Gewalt“ zu bekräftigen. Seine Entlarvung wird als kirchliche Aufgabe beschrieben, die sowohl politisch als auch theologisch begründet ist. Es wird die Orientierung an der Gewaltfreiheit Jesu betont sowie die Notwendigkeit, friedenspraktische und friedenswissenschaftliche Expertise stärker einzubeziehen.

Ein offener Brief

Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“

Sehr geehrte Frau Ratsvorsitzende, liebe Bischöfin Fehrs,

die Evangelische Kirche in Deutschland hat im November 2025 eine Denkschrift vorgelegt, die die evangelische Friedensethik angesichts einer neuen Bedrohungslage weiterentwickeln will.

Wir schreiben Ihnen diesen Brief, weil es uns schmerzt, dass sich unsere theologischen und ekklesiologischen Divergenzen in Friedensfragen in dieser Denkschrift offensichtlich wieder auseinanderentwickeln. Die Konvergenzen, an denen wir in internationaler ökumenischer Gemeinschaft, zum Beispiel in der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt, gearbeitet hatten, können wir nicht mehr finden.

Uns ist die ökumenische Perspektive wichtig, mit der wir gemeinsam als christliche Kirchen Wege zum Frieden suchen. Wie sollten wir in den neuen Bedrohungslagen entfeindend wirken, wenn nicht dadurch, dass auch wir über trennende Grenzen hinweg das Verbindende suchen?

In diesem Brief können wir nur stichwortartig unsere inhaltlichen Anfragen umreißen. Wir hoffen auf Dialoge zu Friedensfragen.

Bereits in Ihrem Vorwort zur Denkschrift lesen wir von vier Glaubensüberzeugungen1, die wir teilen. Doch dann vollziehen die Autor:innen eine Wendung. Verliert nicht die Lehre Jesu zum vollständigen Verzicht auf Gewalt ihre denk- und handlungsleitende Kraft, wenn wir mit der „unerlösten Welt“ argumentieren? Auch fragen wir: Ist „die Welt in Unordnung“ ein neues Phänomen? Hat nicht auch Jesus in einer unerlösten Welt voll Gewalt gelebt und gerade im Angesicht von Gewalt die Gewaltfreiheit gelehrt? Genau dies ist für uns eine befreiende, ja erlösende Botschaft: Dass wir inmitten von Not, Bedrohung und Leid gewaltfreie Optionen angeboten bekommen. Wir müssen uns nicht dem feindlichen Besatzer gleich machen, sondern können eine zweite Meile mitgehen, freundlich und wehrlos – und mit der Hoffnung, dass wir uns auf dem Weg als Geschwister erkennen, die einander nicht töten wollen. Was bedeutet das für uns als Kirchen in Deutschland im Jahr 2026? Wollen wir darüber ökumenisch nachdenken?

Die Denkschrift will den Gerechten Frieden im Blick behalten. Wir nehmen eine Veränderung des Ökumenischen Konsens wahr. Die wichtigste Dimension des Gerechten Friedens kann unserer Meinung niemals der Schutz vor Gewalt mit Gewalt sein. Vielmehr ist es die Überwindung von Gewalt. Der scheinbar kleine Unterschied zwischen „Schutz vor“ und „Überwindung von“ ist friedensfachlich entscheidend. Der „Schutz vor Gewalt“ führt sofort zu der breit ausgeführten Kernfrage der Denkschrift, der Frage, wann militärische Gewalt legitim sei. Hilfreicher könnte sein, davon sind wir überzeugt, Erfahrungen gewaltfreier Begleitarbeit in den Fokus zu stellen, etwa durch das Ökumenische Programm in Israel & Palästina, an dem Mitglieder Ihrer und unserer kirchlichen Gemeinschaften mitwirken, oder die Arbeit von Organisationen wie der Community Peacemaker Teams. Bei „Überwindung von Gewalt“ steht der Verzicht auf jegliche Legitimation von militärischer Gewalt am Anfang der Reflexion über notwendendes Handeln. Die Friedensforschung und die internationale wie lokale Friedenspraxis haben sehr viel Expertise dazu entwickelt und diese wissenschaftlich evaluiert. Diese vermissen wir. Könnte sie nicht handlungsleitende Hilfe sein?

Insgesamt, so nehmen wir es wahr, läuft die Denkschrift Gefahr, den Mythos der erlösenden Gewalt2 zu bekräftigen. Ist es nicht gerade auch unsere Aufgabe als Kirchen, diesen Mythos zu entlarven? Für die Entlarvung sprechen zwei wichtige Gründe: Der politische Grund, dass heutzutage Kriege nicht mehr militärisch gewonnen werden. Und der Glaubens-Grund, dass unser Erlöser Jesus Christus ist. Er hat unsere Befreiung von der Verlockung einer politischen Ethik der Stärkeren erwirkt durch das Durchleiden von Gewalt. Wir sind frei, neue Wege der gewaltfreien Konfliktlösung zu erproben. Viele Nachfolger:innen weltweit leben diesen Weg bis heute – mitten in der in Unordnung befindlichen Welt.

Diese erlösende Glaubensbotschaft gilt allen Menschen – auch denen im Militär, egal in welchem Land. Sie ruft uns auf, die Wege der Gewalt zu verlassen und unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten. Wie wäre es z. B., wenn wir versuchen, unsere Aussagen mit Augen russischer Christ:innen zu lesen? Was würde diese umstimmen, Putins Propaganda vom gewaltbereiten Westen nicht zu glauben? Wie kommen wir raus aus der Gewaltspirale, dass wir aus Angst voreinander immer gewaltbereiter werden und schreckliche Opfer für die Verteidigung geben? Wie lautet unsere klare Friedensbotschaft an den „Feind“?

Das Mennonitische Friedenszentrum Berlin (MFB) und das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee (DMFK) stehen in intensivem Kontakt mit Menschen, wie sie sie in ihrer Kirche auch kennen, die inmitten der Gewalt Wege des Friedens suchen und gehen.

Gerne würden wir über die von uns aufgeworfenen Fragen mit Ihnen ins Gespräch kommen, miteinander unterwegs, im Sinne Jesu Frieden suchend und stiftend.

Mit freundlichen Grüßen

[die Unterzeichnenden für AMG, BFM und DMFK]

-----------------

[1] vier Glaubensüberzeugungen:

  1. Jesus Christus lehrte den vollständigen Verzicht auf Gewalt.
  2. Jesu Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ist ein ethischer Kompass.
  3. Jeder Mensch ist ein gleichberechtigtes Geschöpf Gottes.
  4. Unsere Welt ist unerlöst.

[2] „Mythos der erlösenden Gewalt“: Diesen Begriff hat der US-amerikanische Theologe Walter Wink geprägt. Es ist das allgegenwärtige Narrativ, das Menschen zu gewalttätigem Handeln drängt, obwohl sie Kompetenzen und Erfahrung im gewaltfreien Umgang mit Konflikten haben.

Zurück zur Newsübersicht