500 Jahre Täuferbewegung, Wort gewagt, mit Mut zur Liebe!

antwort

Sola Scriptura (allein durch die Schrift)

Wir Täuferinnen und Täufer sagen Jesus Nachfolgen!

Die frühen Täuferinnen und Täufer argumentierten gegenüber Obrigkeit und obrigkeitskirchlichen Strukturen mit der Bibel, da diese allgemein als normative Instanz anerkannt war. Da die Bibel nicht infrage gestellt wurde, bildete sie den einzigen gemeinsamen argumentativen Bezugspunkt. Das Argumentieren mit der Bibel war daher keine theologische Vorentscheidung, sondern eine sachliche Notwendigkeit. Aus heutiger Perspektive kann daher der Eindruck entstehen, die frühen Täuferinnen und Täufer hätten ein besonders ausgeprägtes Schriftprinzip vertreten. Dieser Eindruck ist jedoch sachlich unzutreffend.

Die Bibel fungiert im täuferischen Denken nicht als Autoritätsinstanz. Maßgeblich ist Gott selbst. Jesus ist nicht Gegenstand einer eigenständigen Verehrung, sondern derjenige, durch den Gottes Wesen, Wille und Handeln erkennbar werden. Von ihm erschließt sich auch der Sinn der Schriften. Die Bibel besitzt insofern Autorität, als sie Zeugnis der Geschichte Gottes mit Israel ist und auf diese Selbsterschließung Gottes verweist.

Entsprechend ist der Ausdruck „Wort Gottes” im täuferischen Sprachgebrauch nicht primär textlich bestimmt. Er bezeichnet zunächst die Selbstmitteilung Gottes, sodann die in der Schrift überlieferte Botschaft und erst in einem dritten Schritt die Bibel als schriftliche Sammlung dieser Zeugnisse. Diese Ordnung beschreibt keine abstrakte Systematik, sondern eine theologische Prioritätensetzung.

Diese hat praktische Konsequenzen. Autorität ergibt sich nicht aus der Möglichkeit, Schriftstellen gegeneinander abzuwägen oder Positionen textlich abzusichern, sondern aus der Orientierung an dem Maßstab, der in Jesus sichtbar wird. Für Menschen, die nicht aus dem Bundesvolk stammen, sondern hinzukommen, bedeutet dies, dass die Autorität nicht auf Zugehörigkeit oder Macht, sondern auf Teilhabe gründet.

Wird die Schrift von diesem Maßstab gelöst und als eigenständige Letztinstanz behandelt, entsteht eine Auslegungspraxis, in der Schrift mit Schrift begründet wird, ohne dass ein verbindendes Kriterium vorhanden ist. Historisch führte dies wiederholt zu innerkirchlichen Spaltungen und zur Legitimation von Gewalt. Diese Problematik betrifft nicht nur die großen Konfessionen der Reformationszeit, sondern zeigte sich auch innerhalb täuferischer Zusammenhänge, insbesondere dort, wo eigene Überlieferungen verdrängt und die Bibel über den Weg Jesu gestellt wurde.

Demgegenüber zeichnet sich täuferisches Selbstverständnis durch eine konsequente Gewaltfreiheit aus. Täuferinnen und Täufer lehnten den Gebrauch des Schwertes grundsätzlich ab, auch zur Selbstverteidigung oder zur Sicherung politischen Ordnung. Maßgeblich ist für sie nicht die Zugehörigkeit zu einem politischen Gemeinwesen oder dessen Schutz, sondern die Ausrichtung des eigenen Lebens am Reich Gottes, wie es im Handeln Jesu sichtbar wird. Entsprechend verweigerten sie jede Beteiligung an bewaffneten Auseinandersetzungen und deuteten Aussagen über „geistliche Mächte“ nicht als Aufforderung zum Kampf, sondern als Kritik an den Gewalten, die Gewalt religiös legitimieren.

Die Überzeugung, dass Gott sich in Jesus zu erkennen gibt, führte zu einer konsequent christologisch bestimmten Schriftauslegung. Diese Auslegung ist nicht Aufgabe des Einzelnen, sondern der Gemeinde als Auslegungsgemeinschaft. In ihr sind alle gleichberechtigt beteiligt, im Sinne des Priestertums aller Gläubigen. Ziel dieser gemeinschaftlichen Auslegung ist nicht die Formulierung verbindlicher Lehrsätze, sondern die Orientierung des Handelns an dem Maßstab, den Jesus vorgelebt hat und der in der Nachfolge weitergelebt werden soll.

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1 Dazu gehören auch einige nicht kanonische Schriften, d.h. Schriften, die keinen Eingang in die Bibel gefunden haben.

Zuletzt aktualisiert am 21.11.2019 von Rake.

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