Sola Scriptura (allein durch die Schrift)
Wir Täuferinnen und Täufer sagen Jesus Nachfolgen!
Die ersten Täuferinnen und Täufer argumentierten gegenüber Obrigkeit und obrigkeitskirchlichen Strukturen mit der Bibel, weil diese von ihnen nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Aus heutiger Distanz entsteht dadurch leicht der Eindruck, die frühen Täuferinnen und Täufer seien besonders bibelzentriert im Sinne von Sola Scriptura gewesen.
Dieser Eindruck täuscht. Täuferinnen und Täufer sammeln sich um Jesus, von dem die Bibel erzählt, in dem sich Gottes Wesen zeigt und der selbst auf Gott verweist.
So stehen sich unterschiedliche Systeme gegenüber:
Wenn Täuferinnen und Täufer in ihrem Bibelverständnis den Ausdruck „das Wort Gottes“ hören oder verwenden, denken sie gewöhnlich an drei Dinge in absteigender Reihenfolge:
- Jesus
- Die in der Bibel enthaltene Botschaft Gottes
- Die Bibel
Wenn Protestanten (fast alle Freikirchler:innen eingeschlossen) den Ausdruck „das Wort Gottes“ hören oder verwenden, denken sie wie Täufer an diese drei Punkte, aber in umgekehrter Reihenfolge:
- Die Bibel
- Die in der Bibel enthaltene Botschaft Gottes
- Jesus
Wenn Jesus und nicht die Bibel letzte Autorität ist, hat das konkrete Auswirkungen auf die reale Welt. Mit Autorität ist hier gemeint, wie Jesus unseren Blick und unsere Beziehung zum Nächsten, zur Schöpfung und zu Gott eröffnet. Diese Öffnung gilt uns in anderer Weise: Wir kommen von außerhalb zum unverbrüchlich verheißenen Volk hinzu, als Hinzugekommene, und genau darin erweist sich diese Autorität für uns als der Weg, die Wahrheit und das Leben zum einen Gott.
Sola Scriptura (allein die Schrift) bringt schlechte Früchte. Gewalt und Spaltung. Das sieht man an den Kirchenspaltungen die ihre Ursache darin haben, dass Schrift mit Schrift verglichen wird. Was auch bei den Mennoniten allzu oft geschah, wenn sie ihre eigene Tradition vergaßen und die Bibel über Jesus stellten.
Die Protestanten waren in der Reformationszeit genauso gewalttätig wie die Katholiken, und sie begründeten ihre Gewalt mit der Bibel! Immer wieder fanden Protestanten biblische Rechtfertigungen für Gewalt, mit denen sie den eindeutig gewaltfreien, feindesliebenden und friedensstiftenden Weg Jesu außer Kraft setzten.
Täuferinnen und Täufer hingegen waren seit Generationen bereit, durch die Hand von Mitchristen zu sterben, weil sie sich weigerten, das Schwert zur Selbstverteidigung oder zur Verteidigung ihres Landes zu tragen. Ihr Reich war das Reich Gottes. Der Krieg, den sie führten, richtete sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen einen geistlichen Feind (Epheser 6,12), und ihr einziger König war König Jesus. Die Täufer glaubten, dass Jesus die endgültige Selbstoffenbarung Gottes ist (Johannes 1,18) und dass die ganze Heilige Schrift konsequent durch die Augen Jesu interpretiert werden müsse. Wer ihm nachfolgt, wird Glied seines Leibes, des Leibes Christi, als Ausdruck gelebter Gottesbeziehung.
Die Bibel ist Zeugnis der Geschichte Gottes mit Israel. Jesus steht in dieser Geschichte und erschließt sie durch sein Leben, sein Handeln und seine Treue zu Gott. Um die Schrift im Geist Gottes auszulegen, brauchen wir die Gemeinde als hermeneutische Gemeinschaft, in der alle gleichberechtigt sind, im Sinne des Priestertums aller Glaubenden. Jesus hilft uns, die Schrift zu verstehen, weil er sichtbar macht, wer Gott ist und wie Gottes Bund gelebt wird. Gemeinsam sind wir zu einer konsequenten Nachfolge gerufen: Wir treten in seine Fußspuren und handeln in seinem Geist, im Vertrauen auf seine Zusage, dass wir Größeres tun werden (Johannes 14,12).
Heute schließen sich immer mehr dem täuferischen Verständnis an.
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1 Dazu gehören auch einige nicht kanonische Schriften, d.h. Schriften, die keinen Eingang in die Bibel gefunden haben.
Zuletzt aktualisiert am 21.11.2019 von Jake.